Schubert – Quartett in d-Moll „Der Tod und das Mädchen

(via Wikimedia Commons [CCo])

1824 schreibt Franz Schubert sein Quartett in d-Moll, welches 1826 in Wien uraufgeführt wurde. Im zweiten Satz zitiert Schubert sein Lied „Der Tod und das Mädchen“, welches er zum Gedicht von Matthias Claudius (1740-1815) schrieb. Unter dem Eindruck der menschlichen Stimme und der Empfindsamkeit des Liedes schaffte Schubert auf diese Weise eine neue Form der Kammermusik. Sein Malerfreund Moritz von Schwind meinte dazu, die neuen Streichquartette seien “von der Art, daß einem Melodie bleibt wie von Liedern, ganz Empfindung und ganz ausgesprochen.” Gleichsam als Gegengewicht zu dieser Entwicklung gibt Schubert dem Quartett beinahe sinfonische Grösse und Länge. Ein drittes Thema im Kopfsatz, ausgedehnte Verarbeitungen und Variationen der Themen, orchestrale Klänge und weitgedachte harmonische Abläufe weisen den Pfad in Richtung der grossen C-Dur Sinfonie, welche zwei Jahre später entstehen sollte. Um in die Musik und ihre Dramatik eintauchen zu können, ist ein Blick auf den Text des Liedes unerlässlich:

DER TOD UND DAS MÄDCHEN

Vorüber, ach, vorüber!
Geh, wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh, Lieber!
Und rühre mich nicht an.

DER TOD
Gib deine Hand, du schön und zart Gebilde!
Bin Freund und komme nicht zu strafen.
Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!

(Matthias Claudius)

Das Motiv des Todes und des Mädchens, die Kombination von Liebeslyrik und Todesthematik ist seit dem 16. Jahrhundert ein bei Künstlern beliebtes Sujet. Schubert musste todkrank den Tod gefürchtet haben, andererseits zeigt der eingangs zitierte Brief und der autobiografische Text „mein Traum“ von 1822, dass für ihn im Begriff des Todesschlafes auch Erlösung und Frieden steckt. Dieses ambivalente Verhältnis zum Tod galt für viele seiner Zeitgenossen. Das Gedicht und das Lied wiederspiegeln diese Gegensätzlichkeit mittels dramaturgischem Aufbau, Versform, Sprachrhythmus und musikalischer Gestaltung. Die kurzatmige erste Strophe symbolisiert den Tod als Schrecken. Der Tod selbst widerspricht jedoch dieser Vorstellung und antwortet friedlich im langsameren Sprachrhythmus der zweiten Strophe. Auch das Quartett lebt von der starken Antithetik, schwankt zwischen Zufriedenheit und Verzweiflung, zwischen Angst und Ruhe. Die Extreme der beiden Pole werden im ersten Satz verdeutlicht. Das dramatische Hauptthema in d-Moll, durch wilde, vorwärtsdrängende Triolen charakterisiert, steht einem heiteren, tänzerischen Seitenthema in D-Dur gegenüber. Die Variationen über das Liedthema im zweiten Satz bilden das Zentrum des Werkes. Farbenreich und ergreifend führen sie das Gedicht von Claudius musikalisch weiter und suchen nach einer Antwort des Mädchens. Lässt sie sich verführen von einem Tod, der eigentlich doch schrecklich ist? Wehrt sie sich? Oder findet sie im sanften Knochenmann die ersehnte Erlösung? Der dritte Satz schwankt noch zwischen einem kantigen, harten Scherzo und einem friedlichen Volkstanz im Trio, während der vierte Satz in Form der schnellen, jagenden Tarantella gänzlich in einen skurrilen Totentanz zurück fällt.

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