Schubert – Mein Traum

Eines der wichtigsten autobiografischen Werke, welches Schubert schrieb, ist „Der Traum“ von 1822. Dieses Gedicht legt auch die Hintergründe um das Quartett in d-Moll offen.

Ich war ein Bruder vieler Brüder u. Schwestern.
Unser Vater und unsere Mutter waren gut.
Ich war allen mit tiefer Liebe zugetan.
Einstmals führte uns der Vater zu einem Lustgelage.
Da wurden die Brüder sehr fröhlich. Ich aber war traurig.
Da trat mein Vater zu mir, und befahl mir, die köstlichen Speisen zu genießen.
Ich aber konnte nicht, worüber mein Vater erzürnend
mich aus seinem Angesicht verbannte.

Ich wandte meine Schritte
und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe
für die, welche sie verschmähten,
wanderte ich in ferne Gegend.
Jahre lang fühlte ich den größten Schmerz
und die größte Liebe mich zerteilen.

Da kam mir Kunde von meiner Mutter Tode.
Ich eilte sie zu sehen, und mein Vater hinderte meinen Eintritt nicht.
Tränen entflossen meinen Augen.
Wie die gute alte Vergangenheit sah ich sie liegen.
Da führte mich mein Vater in seinen Lieblingsgarten.
Er fragte mich, ob er mir gefiele.
Doch mir war der Garten ganz widrig und ich getraute mir nichts zu sagen.
Da fragte er mich zum zweitenmal erglühend: ob mir der Garten gefiele?
Ich verneinte es zitternd. Da schlug mich mein Vater und ich entfloh.

Und zum zweitenmal wandte ich meine Schritte,
und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe
für die, welche sie verschmähten,
wanderte ich abermals in ferne Gegend.
Lieder sang ich nun lange lange Jahre.
Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz.
Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe.
So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz.

Einst bekam ich Kunde von einer frommen Jungfrau, die gestorben war.
Und ein Kreis sich um ihr Grabmahl zog,
in dem viele Jünglinge und Greise auf ewig wie in Seligkeiten wandelten.
Sie sprachen leise, die Jungfrau nicht zu wecken.
Himmlische Gedanken schienen immerwährend
aus der Jungfrau Grabmahl auf die Jünglinge wie lichte Funken zu sprühen.
Da sehnte ich mich sehr auch da zu wandeln.
Doch nur ein Wunder, sagten die Leute, führt in den Kreis.

Ich aber trat langsamen Schrittes,
mit gesenktem Blicke auf das Grabmahl zu
und ehe ich es wähnte, war ich in dem Kreis,
der einen wunderlieblichen Ton von sich gab;
und ich fühlte die ewige Seligkeit
wie in einen Augenblick zusammengedrängt.
Auch meinen Vater sah ich versöhnt und liebend.
Er schloss mich in seine Arme und weinte.
Noch mehr aber ich.

By Attributed to Anton Depauly – Original belongs to Friends of Music in Vienna (as reported by Christopher Gibbs, in A life of Schubert (Cambridge University Press, 2000)), Public Domain

Schubert porträtiert in diesem autobiographischen Text nicht nur das Verhältnis zu seiner Familie: Seine Mutter verstarb früh und sein Vater war despotisch. Sondern er schafft einen intimen Einblick in sein Inneres und seine Psyche. Nichts charakterisiert Schuberts Spätwerk besser als die Aussage: „Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe.“ Das Verständnis für Schuberts ständiges Pendeln zwischen Liebe und Schmerz, Tod und Leben öffnet dem Hörer einen neuen Zugang für seine Musik und insbesondere für sein Werk „Der Tod und das Mädchen“. Mehr über dieses eindrückliche Quartett lesen Sie im nächsten Blog!

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